00:06
Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne.
00:21
Ich bin Nikola Hinisch-Koros, auch von mir herzlich willkommen zu dieser Folge. Wir sprechen heute über einen Fall, der in die deutsche Kriminalgeschichte eingegangen ist. Nicht nur, weil es dabei um eine beispiellose Mordserie ging, die Anfang der 80er Jahre das damals florierende Rotlichtmilieu in St. Pauli ziemlich erschüttert hatte. Der Fall ist auch deshalb bis heute von so großer Bedeutung, weil er in der deutschen Justiz diverse Reformen und Veränderungen in Sachen Ermittlungsarbeit und Sicherheitsstandards angestoßen hat.
00:51
Und die wirken ja bis heute nach.
00:54
Völlig richtig. Die Rede ist vom Fall des sogenannten St. Pauli-Killers, der 1984 bis 1986 die Bundesrepublik erschüttert hat.
01:04
Und man muss vielleicht dazu sagen, dass es im Nachgang zu den Reformen kam, die du da ansprichst, ist auch der Tatsache geschuldet, dass die damaligen Ermittlungen kurz vor dem Abschluss noch eine tragische Wendung nehmen sollten. Aber dazu später mehr.
01:19
Eins noch kurz vorweg, um der Bedeutung und auch dem Umfang der damaligen Ermittlungen gerecht zu werden, schildern wir sie diesmal in einer Doppelfolge. Ihr hört jetzt Teil 1. Teil 2 erscheint in zwei Wochen.
01:32
Nun legen wir aber los und bevor wir zurückgehen in die 80er Jahre und nach Hamburg zum Ort des Geschehens, begrüße ich herzlich unsere heutigen Studiogäste.
01:41
Heute sitzen gleich zwei Herren bei uns vor den Mikrofonen. Das sind der erste, Kriminalhauptkommissar AD, Max van Oosting und Rolf Bauer, Kriminalhauptkommissar AD. Beide waren ab 1985 Teil der neu gegründeten Soko 855 der Hamburger Kriminalpolizei, die in dem Komplex ermittelt hat, über den wir gleich sprechen.
02:03
Heute sind Sie beide im Ruhestand. Umso mehr freut es uns, dass Sie den Weg auf sich genommen haben und nun hier sind. Herzlich willkommen.
02:11
Auch von mir herzlich willkommen.
02:13
Vielen Dank für die Einladung und dass Sie sich an diesen Fall noch so gut erinnern können. Ja, ich bedanke mich auch für die Einladung.
02:23
Legen wir los. Vielleicht erst mal ein paar Worte zu Ihrem polizeilichen Hintergrund. Ich habe ja eben gesagt, in dem Fall, besser gesagt den Fällen, über die wir heute sprechen, haben Sie gemeinsam ermittelt als Teil der später geradezu legendär gewordenen Soko 855.
02:40
Das Besondere an der Soko war ja, dass sie aus handverlesenen Ermittlern ganz unterschiedlicher Bereiche bestand. Aus der Mordkommission, der organisierten Kriminalität, Experten aus den Bereichen Zuhälterei, Rauschgift und Menschenhandel. Denn, so viel kann man vielleicht an dieser Stelle sagen, diese Ermittlungen sollten sie tief in das kriminelle Rotlichtmilieu auf St. Pauli führen.
03:05
Aus welchen Ermittlungsbereichen stießen Sie damals zu der Sonderkommission?
03:09
Ich kam damals von der sogenannten FD 65, der Fachdirektion für die Bekämpfung organisierter Kriminalität unter der Leitung von Wolfgang Sieler. Das war 1982 und Deutschlands erste Spezialeinheit der Kriminalpolizei zur Bekämpfung der UK.
03:32
Ich war damals ein Gründungsmitglied und die Einheit war ein Vorbild für spätere Einrichtungen dieser Art im ganzen Bundesgebiet.
03:43
Und was war das Besondere an dieser Fachdirektion 65?
03:47
Nun, sie bestand damals aus 33 handverlesenen Polizeibeamten aus den Bereichen Sitte, Rauschgift, Menschenhandel, Hehlerei und ungewöhnlich mit fünf Staatsanwälten in einer ständigen Kooperation. Wir haben unabhängig vom restlichen Polizeiapparat operiert, verdeckt und unter absoluter Geheimhaltung.
04:13
Wir haben viel mit vertraulichen Hinweisen und mittels Telefonüberwachung gearbeitet. Ziel war es, organisierte Kriminalität zu erkennen und sie zielgerecht zu bekämpfen. Es war im Grunde eine Pionierarbeit. Also die Soko 855 war dann ein Teil dieser FD 65 und und wurde eingerichtet zur Aufklärung des Falles des sogenannten St. Pauli-Killers.
04:47
Die Federführung hatte die FD 65 und sie war von ihrer Struktur und von ihrer Arbeit her sozusagen dem Arbeitsprozess der FD 65 nachempfunden.
05:00
Ja, Max wurde bei der Gründung der 1985 gegründeten Soko stellvertretender Leiter. Ich selbst kam von der Mordkommission und war Aktenführer und Vormannführer.
05:13
Zwei Dinge, die Sie vielleicht erklären müssen. Was bedeutet das, Aktenführer zu sein? Und auch den Begriff V-Mann könnten Sie vielleicht erklären.
05:20
Als Aktenführer ist man für die Dokumentation und für die Akte zuständig und fordert und sammelt die Informationen aus den ganzen Ermittlungen zusammen, sodass der Zusammenfluss praktisch bei einem bleibt.
05:39
Der V-Mann heißt Vertrauensmann, das heißt für Leute, die vertraulich bei der Polizei Aussagen machen, deswegen der Begriff V-Mann. Das sind Informanten, die aus dem Milieu kommen, die Ermittler mit vertraulichen Hinweisen versorgen. Die bekommen die Information, die Polizisten normalerweise nicht bekommen. Man muss natürlich das alles mit Vorsicht genießen, aber letztendlich sind diese Informationen ununlässlich für die Arbeit im Bereich der organisierten Kriminalität.
06:13
In diesem speziell verschlossenen Milieu sind Informationen essentiell, ob durch Fraumann oder Überwachungsmaßnahmen. Man muss diese Informationen einfach gewinnen. So war es letztlich auch bei den Ermittlungen, über die wir heute sprechen.
06:28
Richtig, denn im Grunde kann man sagen, dass es im Mai 1985 zur Gründung der Soko 855 kam, ging nicht zuletzt auf einen solchen vertraulichen Hinweis zurück, wie Sie ihn gerade beschrieben haben. Was für ein Hinweis das war und was sich damals genau ereignet hat, dazu kommen wir jetzt.
06:54
Und dafür gehen wir 41 Jahre zurück, ins Jahr 1985. Es ist der 8. April, Ostermontag, als Beamte der Hamburger Mordkommission in ein Einfamilienhaus in Hamburg-Schnilsen im Bezirk Eimsbüttel gerufen werden. Es ist eine ruhige, bürgerliche Gegend, doch der erste Eindruck trügt. Das Haus, zu dem die Ermittler gerufen werden, gehört einem gewissen Waldemar Dammer, einem bekannten Bordellbesitzer von St. Pauli.
07:23
Als die Beamten das Haus betreten, finden sie Dammer in seinem Arbeitszimmer vor. Tot, auf seinem Schreibtischstuhl sitzend und mit einer Schusswunde im Kopf.
07:32
Als die Beamten durch das Haus gehen, stoßen sie auf einen weiteren Toten. Ralf Kühne, genannt Korvettenralf, wegen seiner Vorliebe für US-amerikanische Sportwagen.
07:44
Auch er ist aus dem Milieu, hatte vor seinem Tod als damals Bordellwirtschafter gearbeitet und sozusagen die tägliche Arbeit im Laufhaus erledigt. Er liegt auf einem Treppenabsatz des Hauses. Auch ihm wurde offenbar in den Kopf geschossen. Schnell vermuten die Ermittler, hier könnte es sich um eine brutale Auseinandersetzung im Milieu handeln.
08:07
Das Rotlichtmilieu von St. Pauli ist damals schon über die Grenzen der Bundesrepublik hinweg bekannt.
08:13
Doch seine goldenen Zeiten, in denen sich Kiezgrößen mit Hamburgs Schickeria mischten und mit der Ausbeutung von Prostituierten großes Geld und ein beinahe glamouröses Leben winkte, sind bereits vorbei.
08:26
Anfang der 80er Jahre hat die Aids-Krise die Reeperbahn erreicht. Die Freier werden vorsichtiger und die Geschäfte der Zuhälter gehen zusehends schlechter. Immer mehr verdienen ihr Geld inzwischen auch mit dem Verkauf von Drogen.
08:41
Doch die sogenannte Weiße Dame, wie Kokain im Milieu genannt wird, fordert bald schon ihren Tribut. Viele Bordellbetreiber und Wirtschafter sind selbst von Kokain und Heroin abhängig geworden und geraten zunehmend außer Kontrolle. Daneben drängen immer mehr Konkurrenten aus dem Bundesgebiet auf den Kiez, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen.
09:03
Immer öfter kommt es zum Zwist zwischen den Zuhältern und zu immer härter werdenden Revierkämpfen. Im Rotlichtmilieu der Hansestadt galten lange klare Regeln. Keine Waffen, keine Eskalation. Doch diese Regeln gelten nicht mehr. Die Gewalt wird sichtbarer, härter, unberechenbarer. Zwei Männer sterben. Sind Waldemar Dammer und Ralf Kühne Opfer einer neuen brutalen Ordnung geworden?
09:37
Herr Bauer, Sie hatten damals an jenem Ostermontag 1985 Bereitschaftsdienst bei der Mordkommission. Sie haben also unmittelbar von dem mutmaßlichen Doppelmord an dem Bordellbetreiber und seinem Wirtschaftler erfahren. Gingen Sie damals, als die Ermittlungen begannen, gleich von einem Doppelmord im Milieu aus?
09:56
Ja, das lag sehr schnell ziemlich nahe. Ich war damals selbst am Tatort.
10:02
Wir fanden einen sehr aufgeräumten Tatort vor, sehr sauber. Es war also nichts Ungewöhnliches. Aber anhand der Kleidung und dem äußeren Erscheinungsbild der Männer hatten wir sehr schnell den Eindruck, dass es sich da um Männer aus dem Milieu handelte. Das hat sich, als wir die Personalien der Tuten dann festgestellt hatten, dann auch bestätigt. Es war aber für uns zunächst ein völlig normales Tötungsdelikt. Welche Dimension die Tat hatte, dass sie nicht isoliert zu sehen war, das ahnten wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.
10:35
Das sollte sich dann allerdings bald ändern. Aber zunächst, welche Ermittlungsschritte haben Sie nach dem Leichenfund eingeleitet? Wie sind Sie vorgegangen?
10:43
Die ersten Tage waren völlig normal für uns, also Zeugen auf St. Pauli zu befragen, Zuhälter und Kontakte zu dem Waldemar Dammer und auch zu dem Rolf Quine. Da hieß es nur, wir wissen nichts, wir können nichts sagen. Das kannten wir aus dem Mischö immer wieder, dass man dort sehr verschlossen uns gegenüber war.
11:04
Also wir haben Dammers Frau befragt und einen weiteren Wirtschaftler, und zwar den Wirtschaftler von Waldi Dammer. Aber die beiden hatten also den Toten gefunden und hatten aber für den Tatzeitpunkt ein einlandfreies Alibi. Sie waren nämlich zum Kuchen kaufen.
11:24
Hat denn die Obduktion der Leichen damals irgendeinen Hinweis ergeben? Nein, eigentlich nicht. Wir haben den Einschussbereich der Leichen aus der Leiche heraus präparieren lassen. Und ein Kollege von uns ist nach Frankfurt geflogen und hat dort eine sogenannte Schussentfernungsbestimmung beim BKA veranlasst. Wir wollten dadurch etwas mehr über die Tötungsumstände erfahren.
11:49
Aber diese Hinweise haben uns aber nicht weitergeholfen. Es waren eigentlich ziemlich Nahschüsse. Dann sind wir beide nach Nürnberg gefahren und haben uns dort mit den Kollegen getroffen, da Waldemar Dammer ja auch aus Nürnberg kam und beziehungsweise dort auch schon vorher gearbeitet hat. Das hat aber leider auch nicht zu irgendwelchen Erkenntnissen geführt. Es gab also keine neuen Ermittlungsansätze.
12:14
Vielleicht mal außer der Reihe.
12:16
Könnten Sie mir erklären, was es heißt, einen Einschussbereich aus der Leiche heraus zu präparieren?
12:23
Ja, bei der Sektion ist das folgt. Das heißt, man muss den Einschussbereich und die nähere Umgebung dieses Einschussbereiches heraus präparieren, um dann die Schussentfernung bestimmen zu können. Das konnten damals unsere Mediziner nicht, das machte dann das BKA. Also man konnte dann sagen, aufgrund der Schmauchspuren, die es dort noch gab, absoluter Nausschuss oder aus 20, 30 Zentimeter Entfernung, das war entscheidend.
12:50
Das äußere Erscheinungsbild, hatten Sie gesagt, das hat für Sie darauf schließen lassen, dass es sich um eine Tat im Milieu handelte, während ja alles ganz normal, andere sauber war und unauffällig. Äußeres Erscheinungsbild, was muss ich mir darunter vorstellen?
13:03
Bekleidung, so Bekleidung, wie die Zuhälter damals rumliefen, in der Jogginghose und so ein bisschen, ja, wie soll man das erklären? Lässig, lässig, ja.
13:13
Nur wenige Tage später sollten die Ermittlungen unerwartet dann Fahrt aufnehmen und zwar mit einem anonymen Anruf auf der Dienststelle. Was hatte es damit auf sich, Herr Bauer?
13:23
Ja, da klingelte mittags um 12 Uhr bei dem Kollegen Pries, der damals der eigentliche Sachbearbeiter für den Fall war, sein Telefon. Es meldete sich dort ein Mann und der wollte mit mir sprechen.
13:33
Ja gut, ich bin dann an das Telefon gegangen.
13:38
Man hörte damals, war ja das Ganze noch analog, dass es sich um ein Ferngespräch handelte. Nach anfänglichem Züge erzählte mir dann dieser Mensch, ein Mann, dass er mir etwas zu dem Mord an Dammer und Kühne erzählen könnte.
13:55
Hatten Sie denn irgendeine Idee, mit wem Sie da gesprochen hatten gerade?
13:58
Nein, anfangs nicht. Er wollte seinen Namen auch nicht nennen und die Stimme sagte mir auch nichts.
14:04
Er hat sich zunächst auch sehr bedeckt gehalten und wollte mir aber auf jeden Fall Informationen geben. Aber nur, wenn ich ihm eine Vertraulichkeitszusage gebe.
14:14
Das heißt, er hätte nur ausgesagt, wenn Sie ihm zugesichert hätten, dass niemand erfährt, wer er ist, richtig?
14:20
Richtig. Das war die Voraussetzung. Und das habe ich dann auch gemacht. Ich habe ihm also die Vertraulichkeit zugesichert, was wir damals konnten. Heute dürfen wir das nicht mehr. Damals war das aber... Ich konnte ihm also diese Vertraulichkeitszusage geben. Das heißt, ich musste auch dem Gericht gegenüber nicht erklären, wer dieser Informant war. Ich konnte dieses absolut geheim halten. Das wird natürlich notiert und auch entsprechend abgelegt.
14:51
Aber andere wissen nicht, mit wem ich da gesprochen habe und wer das ist.
14:55
In den folgenden Tagen hat sich dann dieser Anruf immer um Punkt 12 wiederholt. Ich saß dann schon am Apparat und habe darauf gewartet. Es gab jetzt damals noch kein Handy, das darf man nicht vergessen. Wir haben dann immer so 10, 15 Minuten oder 5 bis 10 Minuten telefoniert und er begann dann auch gewisses Wissen mir mitzuteilen. Mhm.
15:18
Ja, und was der Informant Ihnen erzählt hat, dazu kommen wir gleich. Sie haben es eben gesagt, das Ganze ist jetzt mehr als 40 Jahre her. Trotzdem ist immer noch nicht öffentlich bekannt, wer diese Person war, die sie da kontaktiert hat. Sie schützen seine Identität also bis heute und werden sie auch hier jetzt nicht preisgeben. Können Sie aber etwas darüber sagen, warum der Mann ausgerechnet mit Ihnen sprechen wollte?
15:43
Das weiß ich bis heute nicht. Ich denke mir einfach mal, ich habe wahrscheinlich bei irgendwelchen St. Pauli-Ermittlungen mal einen guten Eindruck hinterlassen. Und dann hat jemand gesagt, wenn du irgendwas von der Polizei willst oder ihnen was erzählen willst, dann geh zu Bauer. Wenn er sagt ja, ist ja. Wenn er sagt nein, ist nein. Aber ich weiß es bis heute nicht.
16:06
Ja, und Sie sollten den Informanten dann ja bald darauf auch persönlich kennenlernen. Wie kam es dazu?
16:11
Also wir hatten mehrere Tage hintereinander telefoniert und er hat dann wohl irgendwann Vertrauen gefasst und dann habe ich gesagt, wir müssen uns mal treffen, damit wir uns richtig unterhalten können.
16:22
Ja, hat er gesagt, ich bin aber nicht in Hamburg. Habe ich gesagt, ja, das dachte ich mir schon aufgrund des Ferngesprächs. Er hat mir dann seinen Aufenthaltsort genannt, das war eine spanische Insel, aber mehr kann ich dazu denn jetzt nicht sagen.
16:36
Und ich glaube auch, er hat Ihnen schon verraten, so viel, dass er im Fall Dammer sagen könnte, wer da die Hintermänner sind, die mit der Tat zu tun hatten.
16:48
Also richtig, normalerweise wäre der Kontakt über die spanischen Kollegen gekommen und wir hätten uns ganz offiziell dort melden müssen.
16:57
Was aber nicht gegangen wäre, weil dann die Vertraulichkeitszusorge ja quasi hinfällig gewesen wäre. Denn dann hätten die uns erwartet und der Informant hätte uns natürlich dann nicht mehr kontaktiert. Wir mussten also unter dem Radar laufen, sag ich mal, und durften uns nicht offiziell dort anmelden.
17:15
Das ist ja deswegen ganz interessant, weil wir hier im Podcast ja öfter über Fälle sprechen, bei denen Polizeibeamte über Ländergrenzen hinweg ermitteln. Und normalerweise passiert das ja heutzutage über Rechtshilfeersuchen, wo man dann eben, wie Sie ja auch schon sagten, die Kollegen im Ausland kontaktiert. Aber damals war das alles noch anders.
17:36
Damals konnte man in Spanien noch, da haben wir bei den Kollegen in Madrid bei den Verbindungsbeamten eingerufen und der hat gesagt, ja Mann, Johanna, das machen wir morgen. Das heißt, wir haben das offiziell hinterher gemacht. Hatte irgendwie ein kleines Geschmäckle, aber es war eben erforderlich.
17:54
Wir haben dann also eine inoffizielle Dienstreise gemacht.
17:57
Es gab dann noch so ein paar Verwicklungen mit dem Verwaltungsbeamten, der über die Kosten der Dienstreise zu entscheiden hatte. Der fiel fast vom Stuhl, als ich sagte, ich brauche 1.000 Mark und zwei Flugtickets. Da hat sich dann unser damaliger LKA-Chef Herr Sieler eingeschaltet und dann ist das letztlich natürlich auch gemacht worden.
18:19
Ja, jetzt sind Sie dann mit einem Kollegen auf besagte Insel geflogen, um diesen Informanten zu treffen. Spannende Situation. Wie lief das ab?
18:27
Erst einmal ist es ziemlich schief gelaufen, weil es eine Flugplanänderung kam. Wir sind also mit einer anderen Maschine 20 Minuten später gekommen, als wir ursprünglich ankommen sollten.
18:39
Und da war der natürlich nicht mehr da. Und wir haben uns dann ein kleines Auto gemietet und sind losgefahren und haben uns ein Hotel gesucht, haben von da aus die Dienststelle angerufen, haben gesagt, dass das nicht geklappt hat und der wird sich sicherlich morgen um zwölf wieder melden. Und dann haben wir gesagt, wo wir sind.
19:00
Es passierte genau das. Um zwölf kam der Anruf bei den Kollegen in Hamburg und die haben dann erzählt, wo wir sind und dann ist der Informant zu uns ins Hotel gekommen.
19:13
Also, das war dann der Moment des ersten Treffens. Wie lief das ab?
19:17
Ja, es war so, dass er uns, ich sage das mal auf gut Deutsch, er hat uns richtig abgeklopft, so nach dem Motto, ob wir auch vertrauenswürdig sind, nicht, dass wir da plötzlich mit einem Haftbefehl oder irgendwas stehen. Wir schienen aber einen guten Eindruck gemacht zu haben, denn am nächsten Tag kam er wieder und am dritten Tag führte er uns dann an einen geheimen Ort zu zwei weiteren Personen, die Informationen zu dieser Sache hatten. Die fingen dann an, uns Namen zu nennen. Mhm.
19:47
Ja, und welche Namen das waren, dazu kommen wir jetzt. An ihrem dritten Tag auf der Insel treffen Rolf Bauer und sein Kollege die drei Informanten an einem geheimen Ort wieder.
20:00
An diesem Tag und auch an den folgenden führen sie stundenlange Gespräche. Die Männer geben den Ermittlern genaue Einblicke in die Verstrickungen des Rotlichtmilieus auf St. Pauli. Und sie eröffnen Rolf Bauer und seinem Kollegen, dass dort seit Monaten ein brutaler Revierkampf tobt, und zwar auf Leben und Tod.
20:20
Im Zentrum dieses Kampfes, so erzählen es die Informanten den Ermittlern, steht ein Mann namens Werner Pinsner, genannt Mucki. Kein großer Name, weder auf dem Kiez noch bei den Ermittlern. Doch ein unbeschriebenes Blatt ist er auch nicht gerade.
20:37
1947 geboren, wuchs Pinsner in einfachen Verhältnissen im Hamburger Stadtteil Bramfeld auf. Schon als Jugendlicher wird er auffällig, schlägt Mitschüler, klaut.
20:48
Immer weiter gerät er auf die schiewe Bahn, bricht die Schule ab wie auch mehrere Jobs. Er verdingt sich als Gerüstbauer, Fliesenleger und Schlachter. Kurzzeitig fährt er zur See. Dazwischen verbüßt Pinsner immer wieder kürzere Haftstrafen wegen kleinerer Delikte. An seinen Vorstrafen scheitert letztlich auch der Versuch, sich als Zeitsoldat bei der Bundeswehr verpflichten zu lassen.
21:15
Nach und nach zieht es Werner Pinsner und die Bramfelder Clique, in der er sich bewegt, immer stärker ins Verbrechermilieu von St. Pauli. Die harten Jungs vom Kiez, die mit extravaganter Kleidung, teuren Autos und Schmuck protzen, beeindrucken die Kleinkriminellen.
21:32
Dann, im August 1975, überfällt Werner Pinzner mit zwei Mittätern einen Supermarktleiter beim Einwurf einer Geldkassette in den Nachttresor. Dabei wird der Leiter des Marktes erschossen. Von wem genau, das wird sich später nicht mehr klären lassen. Und so wird Pinzner 1975 zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt, wegen Raubes mit Todesfolge.
21:59
Kurz vor Haftantritt lernt er in einer Disco seine spätere Ehefrau Jutta kennen, eine zurückhaltende Angestellte. Es ist Pinsners zweite Heirat. Aus erster Ehe hat er eine kleine Tochter. Jutta, so werden es die Ermittler später erleben, ist ihrem Mann geradezu hörig. Die zaghafte Frau aus gutem Hause vergöttert den Kriminellen.
22:24
Nach Haftantritt schreibt sie Pinzner Briefe und besucht ihn regelmäßig in der JVA Fuhlsbüttel, genannt Santa Fu, in der er den Großteil seiner Strafe absitzt. 1976 heiraten sie in der Haftanstalt.
22:38
Man muss sich vorstellen, Sicherheitsstandards, wie wir sie aus heutigen Haftanstalten kennen, gibt es damals in Hamburg nicht. Der Hamburger Strafvollzug ist liberal, die Vorschriften vergleichsweise lax. Besucher werden kaum durchsucht, Insassen kommen so verhältnismäßig leicht an Drogen. So auch Pinsner. Er beginnt, Kokain und Heroin zu konsumieren.
23:02
Das letzte Haftjahr 1984 verbringt Werner Pinzner im offenen Vollzug in der Justizvollzugsanstalt Vierlande. Tagsüber darf er die JVA verlassen. Zum liberalen Resozialisierungsprogramm gehört dort auch, dass die Insassen über ein eigenes Schließfach verfügen, das nicht durchsucht wird.
23:24
Noch während seiner Zeit als Freigänger, so erfahren die Ermittler von ihren Informanten, besorgt sich Pinzner einen Revolver und deponiert ihn in dem Schließfach. Und er knüpft über Mitgefangene neue Kontakte ins Rotlichtmilieu von St. Pauli.
23:40
Das Milieu fasziniert Pinsner. Der damals 37-Jährige träumt von einer Karriere als Zuhälter. Die Luden, die über Hunderte von Prostituierten herrschen und mit deren Ausbeutung viele reich werden, beeindrucken ihn. Pinsner will Teil dieser Welt sein. Er will mitmischen auf dem Kiez.
24:02
Einer der Männer, die Pinsner in der Haft kennenlernt, heißt Armin Hockauf.
24:07
Hockauf ist 24 Jahre alt und gelernter Kfz-Mechaniker. Seit 1981 arbeitet er als Wirtschafter in den Bordellen von Josef Peter Nusser, genannt der Wiener Peter. Nusser ist einer von denen, die auf dem Kiez das Sagen haben. Er kommt zwar nicht aus Wien, aber doch aus Österreich ist ein Aufsteiger und gehört zur sogenannten Hans-Albers-Platz-Gruppe, auch bekannt als Chicago-Bande, um den Zuhälter Reinhard Ringo Klen.
24:38
Nusser betreibt mit wechselnden Partnern mehrere Bordelle auf St. Pauli.
24:43
Doch auch für Nusser wird das Geschäft bereits Ende der 70er Jahre immer schwieriger. Die Konkurrenz wächst und der Österreicher, so erzählen es die Informanten Rolf Bauer und seine Kollegen, hält nichts von dem alten Ehrenkodex von St. Pauli, nach dem Streitigkeiten bislang immer mit Fäusten und ohne Waffen geklärt werden. Er sei auf der Suche gewesen nach jemandem ohne Skrupel, einem Mann fürs Grobe. Für Pinsner ist das die Eintrittskarte ins Rotlichtmilieu.
25:14
Noch während er im offenen Vollzug ist, so sagen es die Informanten, bietet sich Pinsner Hock auf und Nusser als Helfer an. Die versprechen ihm im Gegenzug Geld und Anteile an Nussers Bordellen.
25:28
Gemeinsam mit Armin Hock auf, überfällt Werner Pinzner 1984 während eines Freiganges einen Geldboten. 70.000 Mark erbeuten die Männer. Abends kehrt Werner Pinzner unbehelligt in die JVA zurück und verstaut seine Waffe in seinem Schließfach.
25:47
Mit der Tat will sich Werner Pinzner für weitere Aufträge sozusagen bewerben. Und so erzählen es die Informanten den Ermittlern, er hat damit Erfolg. Noch im Juli 1984, kurz bevor Pinzner aus der Haft entlassen wird, habe der für den Wiener Peter einen ersten Auftragsmord begangen. Und die Informanten sagen, es sei nicht der letzte Auftrag geblieben.
26:12
In den folgenden Monaten habe Pinzner immer wieder gegen Geld für Peter Nusser gemordet. Habe für den Bordellbetreiber Konkurrenten und lästig gewordene Geschäftspartner aus dem Weg geräumt. Mal mit Unterstützung von Armin Hockauf, ein anderes Mal sei ein weiterer Handlanger Nussers, ein gewisser Siegfried-Träger, dabei gewesen.
26:34
Auf dem Kiez habe es irgendwann geheißen, vom Wiener trennt man sich nicht, vom Wiener wird man getrennt.
26:41
Die Informanten nennen Rolf Bauer und seinem Kollegen Namen und Daten. Sie geben Einblick in die Revierkämpfe und nennen Hintermänner. Den Ermittlern wird klar, wenn das, was die Informanten sagen, stimmt, haben sie es auf St. Pauli mit einer Mordserie ungeahnten Ausmaßes zu tun.
27:07
Ja, Herr Bauer, das ist eigentlich alles ziemlich unfassbar, was Sie da präsentiert bekamen. Sie waren ja ursprünglich wegen des Doppelmordes in Hamburg-Schnelsen auf die Insel geflogen, um da etwas über die Hintergründe zu erfahren. Und nun sagten die Ihnen...
27:23
Im Grunde, pass mal auf, da ist ein Auftragskiller auf St. Pauli unterwegs. Welche Morde neben denen an Waldemar Dammer und Ralf Kühne noch auf das Konto von Pinsner gehen sollten, dazu kommen wir gleich. Zunächst aber die Frage, das waren ja offenbar Leute, die sich im Milieu auskannten. Und die haben nun zwei Polizisten all diese, ja man kann sagen, interner verraten. Warum? Was haben die sich davon versprochen?
27:49
Aus Angst vor Pinsner.
27:51
Es gab damals im Milieu den Satz, ich kann dich schneller laufen, als eine 9 Millimeter fliegt. Viele im Milieu kamen jedoch aus einer Zeit, wo man Streitigkeiten mit den Fäusten regelte. Nun war mit Pinsner jemand unterwegs, der keine Skrupel kannte und der zusehends außer Kontrolle geraten war. Es herrschte der Eindruck, es kann jeden treffen.
28:16
Die hatten also alle Angst, die Nächsten zu sein, nicht?
28:19
Ja, es gab damals einen Waffenladen in der Hamburger Innenstadt, wo man sich gewundert hat, warum im Milieu plötzlich so viele schusssichere Westen angefordert wurden. Der Absatz ging merklich hoch. Ich erinnere mich zum Beispiel noch an ein Treffen mit einem Informanten in Hamburg, der recht ausgestopft aussah, weil er unter seiner Jacke eine schusssichere Weste trug. Die Angst ging um auf dem Kiez.
28:47
Ja, und unsere drei Gesprächspartner haben bei den Treffen auf der Insel uns zu verstehen gegeben, wenn wir den Pinzler nicht bis zum Herbst geschnappt hätten, dann würden sie sich selbst drum kümmern. Mussten wir natürlich das Ganze richtig stellen, denn mit ihnen verhandeln und ihnen klar machen, dass das nur nach rechtsstaatlichen Prinzipien erfolgen muss.
29:10
Das ist jetzt eine irre Situation. Wie viele Tage haben Sie und Ihr Kollege damals auf dieser Insel verbracht, Herr Bauer?
29:17
Eine Woche. Jeden Tag von morgens um elf bis abends um elf haben wir mit den Informanten gesprochen. Nachts oder abends, wenn wir zurück in unser Hotel gefahren sind, hat dann einer diktiert und der andere ist gefahren.
29:32
Man kann ja bei so einem Gespräch nicht ein Tonball mitlaufen lassen oder sich Notiz machen oder Fotos, was auch immer. Und wir waren schließlich keine Milieuermittler. Wir hatten also über die St. Pauli-Connection keinerlei große Erfahrung. Wir waren ganz normale Mordermittler. Manchmal war es nicht so leicht, mit all den Namen, mit den Verbindungen irgendetwas anzufangen. Aber schnell war klar, dass wir nicht jede Straftat, die hier zur Sprache kam, würden ermitteln können.
30:03
Wir mussten uns aber auf diese Morde konzentrieren.
30:07
Ja, das haben Sie dann natürlich auch getan und zwar mit einer polizeilichen Anstrengung, die es in der Art, glaube ich jetzt mal, bislang in Hamburg nicht gegeben hatte. Wie genau kam es jetzt zur Gründung der Soko 855?
30:21
Nach unserer Rückkehr nächsten Morgen sind wir sofort zu unserem LKA-Chef Herrn Sielerf gegangen und haben alles vorgetragen. Der hat sich das alles genau angehört und dann alle Hebel in Bewegung gesetzt. Innerhalb einer Stunde war die Soko 855 gegründet worden.
30:37
So etwas habe ich in meiner Dienstzeit damals noch nicht erlebt und das habe ich auch in der späteren Zeit nicht erlebt.
30:43
Warum hieß die Soko 855? Wofür steht die Zahl?
30:47
Das ist ganz einfach. Es handelt sich hier um den Gründungsmonat, nämlich den Mai im Jahr 1985, als die Sonderkommission gegründet wurde und wir mit unserer Arbeit begonnen haben. Anderswo hätte die Sonderkommission vielleicht Killer oder ähnlich geheißen. Das war aber nicht im Sinne von unserem LKA-Leiter Wolfgang Sielerf. Er bevorzugte eine neutrale hanseatische Sonderkommission.
31:16
Nennung dieser Sonderkommission. Ein Zeichen für ein Statement und das ist vielleicht auch eine hanseatische Tugend.
31:24
Herr von Osting, Sie haben es zu Beginn ja schon gesagt, die Sonderkommission bestand aus handverlesenen Ermittlern verschiedener Bereiche. Das war auch der Moment, in dem Sie aus der FD 65 als stellvertretender Soko-Leiter zu den Ermittlungen stießen.
31:40
FD steht für Fachdirektion. Hinzu kamen, und das war wie gesagt durchaus ungewöhnlich, zwei junge Staatsanwälte, Martin Köhnke und Wolfgang Bistri.
31:50
Ja, beide waren mir ja gut bekannt. Und die enge Zusammenarbeit zwischen der Kripo und der Staatsanwaltschaft, die von Martin Köhnke auch als Teampartnerschaft bezeichnet wurde, sollte auch in der Sonderkommission entsprechend fortgesetzt werden. Insofern war die Arbeit dort für mich nichts Neues. Wir setzten sozusagen im gleichen Geist die Arbeit in der Sonderkommission fort.
32:19
Für mich war diese enge Zusammenarbeit allerdings etwas Neues, etwas Besonderes.
32:25
Wir hatten für die SUKU eigene, abgeschämte Büroräume bekommen im 12. Stock des alten Polizeipräsidiums. Das war der große Sitzungssaal. Es war praktisch ein Großraumbüro. Und der Staatsanwalt Wolfgang Bistri hatte ein eigenes Büro bei uns. Wir haben alles dort gemeinsam besprochen und er hat unsere Arbeit sehr gestärkt.
32:48
Das ist ja eigentlich das, was man so oft auch in der Fiktion im Fernsehen sieht, wenn es um Krimis geht. Der Staatsanwalt und die Polizei ganz eng miteinander haben die Büros schon fast nebeneinander in einem Gebäude liegen. Aber jetzt hier war es ja eine Sondersituation.
33:02
Ja, es war schon ein idealer Zustand. Es hat uns auch handlungsfähiger gemacht. Ein Beispiel, als wir anfangs polizeiliche Vorladungen verschickt haben, um Zeugen aus dem Milieu zu vernehmen, ist natürlich keiner gekommen.
33:16
Bei einer polizeilichen Vorladung muss man nicht erscheinen. Irgendwann hat dann Wolfgang Bistri gesagt, ab jetzt verschicken wir nur noch staatsanwältschaftliche Vorladung raus, was wir dann auch gemacht haben. Die ersten, die dann nicht kamen, haben wir dann mit der Polizei vorführen lassen und danach sind sie alle gekommen.
33:34
Also es hat auch Vorteile.
33:38
Ja, zur genauen Ermittlungsarbeit der Soko 855 kommen wir gleich noch. Zunächst aber muss man vielleicht einmal festhalten, das war schon eine ungewöhnliche Situation, mit der Sie als Ermittler es hier zu tun hatten. Denn aufgrund der gewonnenen Informationen, die Sie durchaus für glaubhaft hielten, war die Frage nicht so sehr, wer ist der Täter? Das wusste die Soko von Anfang an, sondern vielmehr, wie viele und welche Taten genau gehen auf das Konto von Werner Pinzner und seinen Hintermännern?
34:09
Und vor allem, wie lassen sich diese Taten gerichtsfest beweisen?
34:21
Um diese Fragen zu beantworten, stellen die Staatsanwälte Wolfgang Bistri und Martin Könke im Mai 1985 zunächst ein Hypothesenpapier zusammen. Darauf stehen unter anderem fünf Morde, für die aus Sicht der Ermittler Werner Pinsner als Täter infrage kommt.
34:38
Zum Teil haben Rolf Bauers Informanten Pinzner bezichtigt, die Morde begangen zu haben, unter Mithilfe von Armin Hockauf und Siegfried Treger. Zum Teil ziehen die Ermittler aber auch ungeklärte Fälle hinzu, von denen der mutmaßliche Auftraggeber Peter Nusser wahrscheinlich profitiert hat.
34:57
Der erste Mord auf der Liste der Ermittler geschieht am 7. Juli 1984. Nicht in Hamburg, sondern in Kiel. Das Opfer der ehemalige Bordellbesitzer Jehuda Arzi. Er wird in seiner Wohnung in einer Hochhaussiedlung im Kieler Westen aus nächster Nähe erschossen.
35:16
Die Kieler Mordkommission, die anfangs in der Sache ermittelte, hatte zunächst keine aktiven Verbindungen Arzis ins kriminelle Milieu feststellen können, erst recht keine nach St. Pauli. Augenscheinlich hatte Arzi, der einst Bordelle im Raum Karlsruhe sowie in Konstanz besessen hatte, jegliche Kontakte in die Szene abgebrochen. Das Motiv für den Mord liegt im Dunkeln.
35:41
Und auch der Soko 855 ist zunächst nicht klar, was die Tat mit Nusser und Pinsner zu tun haben könnte.
35:50
Das Einzige, was anfangs auf eine Verbindung zu Hamburg hindeutet, sind einige Zeugen, die zur tatrelevanten Zeit ein Fahrzeug mit Hamburger Kennzeichen vor dem Haus gesehen haben wollen. Und zwei Männer, die ein Zeuge von ihrer Aufmachung her als typische Zuhälter beschreibt.
36:09
Was die Hamburger Ermittler aber endgültig auf den Fall aufmerksam werden lässt, ist die Tatwaffe. Denn bei der Spurensicherung am Tatort hatte man 1984 Munition sichergestellt und zur kriminaltechnischen Untersuchung ans BKA übersandt. Diese Untersuchung hatte eine Auffälligkeit ergeben. Bei der Waffe, mit der auf Jehuda Azi geschossen wurde, handelt es sich um einen Revolver der Marke Arminius vom Kaliber 38 Spezial.
36:40
Dieser Revolver hat eine Eigenheit. Er besitzt zehn statt der üblichen sechs Züge und hat einen Rechtsdrall. Beides hinterlässt deutliche Spuren auf der Munition.
36:52
Sie kommen einem Fingerabdruck gleich.
36:54
Auch bei zwei weiteren Morden, die die Ermittler aufgrund der Aussagen ihrer Informanten Pinsner zurechnen, taucht dieser kriminaltechnische Fingerabdruck auf der Munition auf. Die Morde wurden also eindeutig mit derselben Waffe begangen, mit der auch Arzi erschossen worden war. Die Ermittler vermuten, das ist die Waffe, die sich Pinsner noch während seiner Haftzeit besorgt hat.
37:17
Sie taucht auch bei dem zweiten Mord auf, der auf der Liste der Ermittler steht. Tattag, der 12. September 1984. Das Opfer ist der Modellbetreiber Peter Pfeilmeier, genannt Bayernpeter.
37:31
Pfeilmeier ist bis zu seinem Tod ein Geschäftspartner von Peter Nusser. Einer, der Kokain nicht nur verkauft, sondern immer öfter auch selbst konsumiert. Auf dem Kiez gilt Pfeilmeier deshalb zusehends als unkontrolliert und schwierig. Kurz vor seinem Tod, so heißt es, habe er Prostituierte im gemeinsam geführten Bordell verprügelt und damit Freier vergrault und Nusser gegen sich aufgebracht.
38:00
Er wird erschossen in seinem Fahrzeug auf einem Garagenhof in Hamburg-Bramfeld aufgefunden.
38:08
Das dritte Mordopfer auf dem Papier der Ermittler heißt Dietmar Traub. Auch er war ein Geschäftspartner von Nusser. Gemeinsam betrieben sie einen Teil des Palais d'Amour auf der Reeperbahn, ein Laufhaus mit fünf Etagen und 240 Zimmern.
38:26
Die Ermittler vermuten, Traub, der wegen seines extravaganten Kleidungsstils auch Lackschuhdieter genannt wird, ist Nusser wegen seines übermäßigen Kokain-Konsums irgendwann lästig geworden. Bei einem Aufenthalt in München wird Traub in einem Waldstück durch einen Kopfschuss getötet. Am nächsten Morgen entdeckt ein Jogger die Leiche und ruft die Polizei.
38:48
Auch im Fall Traub waren die Ermittlungen der Münchner Kollegen zunächst ins Stocken geraten.
38:54
Erst der Abgleich der Tatwaffe durch die Soko 855 rückt den Mord endgültig in ein neues Licht. Es ist wieder die Waffe mit dem Rechtsdrall. Und, wie auch im Fall Pfeilmeier, ist es Peter Nusser, der vom Tod des Geschäftspartners profitiert. Er erbt Traubsanteile am Palais d'Amour.
39:16
Die letzten beiden Morde, die die Soko 855 Werner Pinsner zurechnet, sind erst wenige Wochen her. Es ist der Doppelmord vom Ostermontag 1985 an dem Bordellbetreiber Waldemar Dammer und seinem Wirtschaftler Ralf Kühne, der die Ermittlungen erst ins Rollen gebracht hat. Und Rolf Bauers Informanten haben Pinsner klar als Täter benannt.
39:40
Als die Ermittler nachforschen, stellen sie außerdem fest, nur wenige Tage vor dem Doppelmord hatte Dammer seinen Konkurrenten Nusser in dessen Bordell Palais d'Amour von zwei Schlägern verprügeln lassen, vor den Augen der Prostituierten. Er hatte den Wiener Peter öffentlich gedemütigt. Der Mord, vermuten die Ermittler, war die Rache dafür. Und ein Signal an die Konkurrenz. Wer sich mit dem Wiener Peter anlegt, bezahlt das mit dem Leben.
40:15
Herr von Osting, Herr Bauer, eine Liste, fünf Morde, die Ihrer Ansicht nach auf das Konto Pinsners gingen. Peter Nusser wiederum, der Auftraggeber. Man könnte sagen, eine komfortable Situation für Sie als Ermittler. Im Grunde kannten Sie ja von Anfang an alle Hintergründe. Es gab bloß ein Problem. Sie hatten keine Sachbeweise, nicht die Tatwaffe und auch keine offiziellen Zeugen. Sie konnten also nichts davon gerichtsfest beweisen. Mit anderen Worten, die richtige Arbeit fing jetzt erst an, nicht?
40:46
Ja, das kann man so sagen. Man muss betonen, Sonderkommission heißt Teamwork. Und dabei spielt der ständige Informationsaustausch untereinander, um nichts zu übersehen, eine sehr große Rolle. Wir haben die Tathergänge in der Sonderkommission verteilt. Ich war zum Beispiel zuständig für die Ermittlungen im Fall Jehuda Arzi.
41:12
Ich habe die Ermittlungen dort weitergeführt, wo die Mordkommission in Kiel aufgehört hatte. Wir haben nach Verbindung der Opfer zu Nusser und Pünzner gesucht. Im Fall Azi schien es zunächst keine zu geben. Wir haben nochmal jeden Stein umgedreht, alle Spuren nochmal verfolgt, zum Teil neue kriminaltechnische Untersuchungen angestoßen. Am wichtigsten aber, wir begannen einen enormen Ermittlungsdruck auf das Milieu aufzubauen.
41:40
Und wie sah dieser Ermittlungsdruck aus?
41:43
Kollege Rolf Bauer hat es ja vorhin schon anklingen lassen, dass im Zuge der weiteren Ermittlungen staatsanwaltschaftliche Vorladungen verschickt wurden, um Zeit zu gewinnen. Wir haben jeden Verdächtigen, jeden potenziellen Zeugen vorgeladen. Ständig mussten Angehörige des Milieus bei uns zur Vernehmung antanzen.
42:11
Das waren in erster Linie Zeugen, von denen wir annehmen konnten, dass sie selbst auch Straftaten begingen oder begangen haben und daher durch massive polizeiliche Aufmerksamkeit zusehends unter Druck gerieten. Und dadurch vielleicht Interesse daran hatten, uns zu helfen, damit sie wieder in Ruhe gelassen werden.
42:34
Wir haben zum Beispiel diverse Razzien durchgeführt.
42:38
Mal als Beispiel, wir haben einmal am Straßenstrich Süderstraße komplett mit polizeilichen Mannschaftswagen an jeder Prostituierten einen Schutzmann abgesetzt und dann sind sie zusammen in das Hamburger Verkehrsamt gegangen. Das ist in einem Industriegebiet, da gibt es mehr Prostituierte als Einwohner.
43:04
Dort haben sie dann die Damen entsprechend vernommen bzw. die Personalien aufgenommen.
43:11
Und wir haben gezielt in Nussers Bordellen Razzien durchgeführt. Auch in einem, in dem Werner Pinzner zeitweilig als Wirtschafter tätig war.
43:23
Wir haben den Frauen ganz offensiv gesagt, wir ermitteln hier in einer Mordsache. Und am nächsten Tag alle zu einer staatsanwaltlichen Befragung bzw. Vernehmung in unsere Räume in die Polizeidirektion beordert.
43:39
Und was haben Sie sich davon erhofft?
43:41
Wir haben uns hier erhofft, dass die Strategie der 1000 Nadelstiche aufgeht, wenn wir den Druck auf das Milieu erhöhen.
43:52
und zeigen, dass wir ihnen dicht auf den Fersen sind. Wir wollten so die Akteure verunsichern, bis einer der Mitwisser oder Mittäter vielleicht offiziell auspackt oder sich verrät. Wir haben das Ganze ja auch mit intensiven Überwachungsmaßnahmen begleitet und wussten daher, unsere Nadelstiche zeigen Wirkung.
44:15
Die Verunsicherung im Rotlichtmilieu war in der Tat groß.
44:19
Es lag natürlich auch daran, dass wir durch meine Informationen und die Abhörmaßnahmen extrem gut informiert waren. Das haben natürlich die Leute auch gemerkt. Ich kann mich noch an ein abgehörtes Telefonat erinnern, wo einer sagte, woher zur Hölle wissen die das alles?
44:38
Einen Monat nach der Einrichtung der Soko wurde zum Beispiel in Hamburg ein Jungluder ermordet. Die Kollegen der Mordkommission riefen mich an, ob ich einmal die Ohren offen halten könnte, das heißt also meinen Informanten fragen könnte. Ich habe mit ihm telefoniert und der rief mich dann innerhalb von wenigen Stunden zurück und nannte mir die Namen der mutmaßlichen Täter. Das konnte ich dann auch den Kollegen mitteilen und sie wurden dann gerichtsfest überführt.
45:08
Also man kann sagen, Ihre Ermittlungen haben einiges an Staub aufgewirbelt. Das Milieu merkte, es wird hier ungemütlich. Die schauen uns jetzt genau auf die Finger.
45:18
Richtig. Im Laufe unserer Ermittlungen kam es immer wieder zu solch einem Beifang, wie Rolf Bauer das eben beschrieben hat.
45:27
Wir haben nämlich während unserer Ermittlungsarbeit ständig neue Ansätze für neue Straftaten gefunden. Rauschgiftdelikte, Menschenhandel, typisch für das Milieu. Das alles wurde in neue Vorgänge umgemünzt.
45:41
Allerdings, was die Taten anging, die im Zentrum ihrer Ermittlungen standen, hatten sie nach wie vor niemanden gefunden, der bereit war, eine offizielle Aussage zu machen. Im Herbst 1985 haben sie sich dann trotzdem entschieden, die vier Verdächtigen vorzuladen und zu vernehmen. Wie lief das ab?
46:00
Ja, wir haben Pinsen, Anossa, Hockauf und Träger einzeln vorgeladen. Alle, die wir im Visier hatten.
46:06
Allerdings keine Beschuldigtenvernehmung, dafür reichte der Vorwurf qualitativ nicht aus. Sondern wir haben sie als Zeugen gehört, wenn man so will, als verdächtige Zeugen.
46:18
haben sie dann mit den Tatumständen konfrontiert, die sie in ein verdächtiges Licht rückten.
46:25
Wie haben die Männer dann reagiert?
46:27
Sie haben sich in ihren Aussagen teilweise gegenseitig widersprochen. Zum Teil auch widersprüchlich zu eigenen Angaben in vorherigen Ermittlungen durch die Mordkommission Hamburg, Kiel oder München gebracht. Denn von denen waren sie ja teilweise auch schon befragt worden.
46:48
Wir haben natürlich alle Angaben überprüft und konnten fast alle Alibis, die uns genannt wurden, widerlegen. Hockauf zum Beispiel hatte gesagt, er sei nie in der Wohnung des getöteten Peter Feinmeier gewesen. Allerdings, um ein Beispiel zu nennen, hatte Peter Feinmeier eine aufmerksame Nachbarin, die sich Kennzeichen aller Besucher notierte, darunter auch das Kennzeichen von Hockauf. Das alles waren Hinweise, aber bis zum dringenden Tatverdacht ist es ja noch ein langer Weg.
47:18
Herr Bauer, Herr van Oesting, es kam zu einer Vernehmung von Werner Pinzner, da waren Sie nicht dabei, das haben Kollegen gemacht, aber es gibt da eine Besonderheit zu dieser Vernehmung, von der Sie erst viel später erfahren haben. Worum ging es dabei?
47:31
Er hat in seiner Vernehmung erzählt, dass er eine Waffe bei dieser Vernehmung dabei gehabt hatte und er hätte sich, falls man ihn festnehmen würde, den Weg freischießen wollen. Ob das stimmt, können wir so natürlich nicht bestätigen.
47:47
Aber wenn man die Ereignisse im Sommer 86 betrachtet, ist es nicht so unwahrscheinlich.
47:54
Ja und zu den tragischen Geschehnissen vom 29. Juli 1986 kommen wir noch und zwar in der zweiten Folge über den St. Pauli-Killer. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, das ist natürlich eine extrem beklemmende Vorstellung. Sie wollten ja durch diese Vernehmung bei den Verdächtigen rund um den Zuhältern Nusser für Unruhe sorgen und die Männer vielleicht aus der Reserve locken.
48:18
Dass das hinter den Kulissen durchaus Erfolg hatte, das sollten Sie und Ihre Kollegen allerdings erst später erfahren. Doch bis dahin, muss man sagen, hatten Sie den Eindruck, wir kriegen die einfach nicht zu fassen. Inzwischen ist es Februar 1986. Zehn Monate arbeitet die Soko 855 bereits unter Hochdruck.
48:43
Doch langsam scheint es, als würden die Ermittlungen an der Mauer des Schweigens zerschellen, die das Milieu um sich herum aufgebaut hat. Durch ihre Informanten wissen die Ermittler der Soko sehr genau, wer hinter den Auftragsmorden steckt. Doch kein Zeuge ist bereit, offen gegen Pinsner und seine Hintermänner auszusagen.
49:03
Die Ermittler um Max von Osting und Rolf Bauer müssen sich eingestehen, dass das letzte Quäntchen, das es braucht, um Pinsner hinter Gitter zu bringen, nach wie vor fehlt. Für einen dringenden Tatverdacht und somit einen Haftbefehl reichen die Beweise nicht aus. Dazu kommt, dass die Soko 855 demnächst aufgelöst werden soll. Man trifft sich sogar schon zu einer kleinen Abschiedsfeier bei Rolf Bauer zu Hause.
49:32
Dann, Anfang März 1986, entscheiden sich die Ermittler, einen letzten Versuch zu unternehmen. Eine Prostituierte hatte sich bei der Polizei gemeldet. Sie sei bereit, gegen ihren Lebensgefährten, den Chef des Hamburger Straßenstrichs, Gerd Gabriel, auszusagen und ihn der Zuhälterei zu bezichtigen.
49:54
Gerd Erzengel Gabriel, wie er auf dem Kiez genannt wird, ist ein Geschäftspartner und enger Vertrauter von Peter Nusser. Und so erwirken die Beamten aufgrund der Aussage der Prostituierten einen Haftbefehl gegen den Zuhälter und verhaften ihn am Nachmittag in seiner Wohnung. Die anschließende Vernehmung dauert bis in die Nacht.
50:16
Sie ist, muss man sagen, recht einseitig. Über Stunden reden Rolf Bauer und ein Kollege auf den Zuhälter ein. Sie legen Gabriel dar, dass sie ihn wegen Zuhälterei belangen können.
50:29
Und sie lassen Gabriel noch etwas anderes wissen. Möglicherweise, sagen sie, könnten sie ihm zeitnah auch die Anstiftung zu einem Tötungsdelikt nachweisen.
50:40
Die Ermittler sind sich sicher, dass Gabriel etwas über die Auftragsmorde weiß, womöglich sogar in deren Planung verstrickt war. Zumindest mit einem der Mordopfer, dem Luden Peter Pfeilmeier, hatte er Geschäfte gemacht und somit ebenfalls von dessen Tod profitiert.
50:57
Der Zuhälter selbst sagt in all den Stunden, die die Vernehmung dauert, kein Wort. Die Ermittler wollen schon aufgeben. Doch dann, inzwischen ist es 23 Uhr, bricht Gabriel plötzlich sein Schweigen. Mit nur einem Satz. Doch der wird die Wende in die Ermittlungen bringen. Musik
51:21
Welcher Satz das ist und warum er so entscheidend war für die Ermittlungen, das hört ihr in Teil 2 unserer Doppelfolge. Der erscheint in zwei Wochen.
51:29
Ja, und damit verabschieden wir uns für heute vorerst. Wir freuen uns, wenn es euch bis hierhin gefallen hat und ihr auch in der nächsten Folge wieder dabei seid. Danke schon einmal an dieser Stelle an Sie, Herr Bauer und Herr van Oesting, auch dafür, dass Sie in der zweiten Folge zum Fall wieder bei uns sein werden. Und danke auch an Lale Atun, die Autorin dieser und somit auch der nächsten Folge über den St. Pauli-Killer.
51:54
Ja, und wie immer am Ende bedanken wir uns auch bei euch fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY. Unvergessene Verbrechen und bleibt sicher.
52:04
An dieser Folge mitgearbeitet haben Katharina Jakob und Zoe Jungblut. Für Ton und Technik sorgten Stefan Gossen und Sebastian Muxeneder. Die Regie hatte David Groma und die Redaktion im ZDF Sonja Roy und Kirsten Zilonka. Die Podcast-Folgen könnt ihr übrigens auch auf dem ZDF True Crime YouTube-Kanal anhören. Den Link dazu, wie auch alle Infos zu dieser Folge, findet ihr wie immer in den Shownotes.
52:31
Aktenzeichen XY, unvergessene Verbrechen, eine Produktion der Securitel in Kooperation mit der Boomfilm im Auftrag des ZDF.